Alles was Sie über die Kunst wissen müssen
Wie haben Sie den Mikrokosmos für die Kunst entdeckt?
Die Buntheit des Mikrokosmos hat mich 1999 spontan dazu inspiriert, seine unsichtbare Welt in Form von Gemälden sichtbar zu machen. Ferdinand Julius Cohn berichtete schon 1872 über diese Farbenvielfalt. Ich entdeckte aber im Laufe meiner Arbeiten ein weiteres künstlerisches Potenzial im Mikrokosmos. Wenige Mikroorganismen besitzen die Fähigkeit sehr komplexe Bilder zu komponieren. Dazu reicht ein winziger Ausgangspunkt. Das Malen nenne ich „Bacteriographie“ und die Selbstentwicklung der Organismen bezeichne ich als „Bacterioästhetik“.
Was waren Ihre ersten Erfahrungen mit den Studien?
Es handelt sich um Disziplinen mit höchsten wissenschaftlichen und künstlerischen Anforderungen. Diese Erfahrung machte ich schon nach den ersten Versuchen.
Wie gelangen Sie zu Ihren Kandidaten, Ihren Akteuren aus dem Mikrokosmos?
In erster Linie durchforste ich Luft und Wasser. Dort findet man auch die meisten bunten Bakterien und Hefen. Aber auch Bodenproben, Schneeflocken, Lebensmittel und Sandproben liefern mitunter interessante Organismen. Das „Fangnetz“ im Mikrokosmos stellt die Petrischale dar.
Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit für einen Fund?
Am Anfang meiner bacteriographischen Arbeit (1999) kam fast jedenTag ein Neuling dazu, heute (2025) sind nahezu 3.000 Fundversuche erforderlich, um einen Neufund zu landen. Das „Fangnetz“ des Bacteriographen ist die Petrischale.
Welche Farbe wird wo gefunden? Welche Farben sind sehr häufig?
In der Luft dominieren Rot, Orange, Gelb, Weiß, Beige. Sehr selten sind Braun-, Grau- und Olivgrün-Töne. Im Wasser sind Gelb- und Violett-Töne eher häufig, Blau und Grün dagegen selten. Es gibt einige Farben, die bei rund 50.000 Fundversuchen (2025) kein zweites Mal in Erscheinung getreten sind. Dazu kommt, dass von den wenigen Funden nur noch ganz wenige für die Kunst geeignet sind. Es bleibt fast nichts übrig.
Welche technische Ausrüstung braucht man für die Bacteriographie bzw. Bacterioästhetik?
Einen Tiefkühlschrank (-70 bis -80°C) für die Aufbewahrung des „Ensembles“ und einen „Reinraum“ für das Erstellen der Kunstwerke. Des Weiteren eine sterile Werkbank und jede Menge Kleingerätschaften!
Welche Bedeutung hat die sterile Werkbank?
Sie wird zur Vortrocknung des Maluntergrundes verwendet. Sie gewährleistet, dass auch nach Trocknungszeiten von mehreren Stunden keine fremden Mikroorganismen auf die Malfläche gelangen können.
Der Reinraum dient zum Malen?
Ja, im Reinraum, ein Raum der frei von jeglichen Mikroorganismen ist, wird gemalt. Das wäre unter der sterilen Werkbank nicht möglich. Mit dem Reinraum muss ich sehr heikel umgehen. Und es herrscht immer ein kleiner Überdruck an steriler Luft.
Benötigen Sie einen Brutschrank?
Ja, dieser ist in der Regel auf 23°C eingestellt. Die künstlerischen Talente sind temperaturabhängig.
Mal was ganz anderes – sind diese Bakterien nicht gefährlich?
Nein, absolut nicht! Ein fertiges bacteriographisches Gemälde kann auf Grund verschiedener Inaktivierungsvorgänge keine lebenden Bakterien enthalten. Selbst die künstlerisch wirkenden lebenden Bakterien sind ungefährlich. Dass der lebenden Materie mit einem gewissen Respekt begegnet werden muss und es einer umsichtigen Vorgangsweise bedarf, versteht sich von selbst.
Wie sieht ein fertiges bacteriographisches Gemälde aus? Sieht man das schon?
Bei bacteriographischen Gemälden ist vieles anders als bei den bekannten Maltechniken. Es muss mit so wenig Biomasse gemalt werden, dass man nach dem Malen – vielleicht außer ein paar zarten Spuren – nichts sehen kann. Erst durch die millionenfache Vermehrung der aufgemalten Biomasse wird das Bild nach 2-3 Tagen allmählich sichtbar. Beim Aufbringen von bereits sichtbaren Mengen an Biomasse sind viele Regulative der verschiedenen Maltechniken blockiert.
Bringe ich zu viel Biomasse von Beginn an auf, hätte ich zwar ein sofort sichtbares Bild, doch auf Grund der zu dichten Masse wäre keine bacteriographische Entwicklung eines Gemäldes möglich. Hier gilt also, weniger ist mehr.
Wie malt man unsichtbar?
Ich male fast unsichtbar. Zarte Spuren sind ja zu sehen. Die Herausforderung ist, den Pinsel immer richtig anzusetzen.
Das ist bei mitunter 2000 Malansätzen schon sehr konzentrationsintensiv. Ohne jahrelange Studien geht da gar nichts.
Welche Maltechniken wenden sie in der Bacteriographie an?
- Bacteriographische Aquarelltechnik,
- bacteriographische Invasionstechnik,
- bacteriographische Craquelé-Technik,
- bacteriographische Weichzeichnung und
- bacteriographische Gemälde, die an Ölbilder erinnern.
Spielt der Zufall in der Bacteriographie eine Rolle?
Es gibt 2 Prinzipien:
Die sehr strenge Regie:
Die Bildumsetzung erfolgt exakt nach meinen Vorgaben. Dieses Prinzip wird hauptsächlich bei gegenständlichen bzw. anderen aufwändigen Motiven angewendet. Der Zufall hat dabei keinen Einfluss!
Die eher sanfte Regie:
Viele Ensemblemitglieder können ihre Eigenschaften in sogenannten Bandbreiten entfalten. Die Bandbreite, sie stellt den Spielraum der Mikroorganismen dar, kann gesteuert werden. Je enger sie wird, umso mehr nähere ich mich der strengen Regie. Wenn die Bandbreiten großzügiger geplant werden, kann der Zufall immer mehr bildgestalterische Aufgaben übernehmen.
Dem Zufall wird mehr Aktionsradius gegeben, ganz von meiner Regie entkoppelt ist er aber nicht. Interessanterweise entscheidet sich der Zufall sehr häufig für die zum bacteriographischen Gemäldetyp passende Dimension. Der Zufall wirkt wie eine clevere Regieassistenz, die zu einem stimmigen Gesamtergebnis führt. Ich werde den Eindruck nicht los, dass der Zufall (Sie gestatten mir die Personifizierung des Zufalls) einen Sinn für Ausgewogenheit, Harmonie und Stimmigkeit besitzt!
Regisseur? Regie? Bühne? Befinden sich in „Ihrem“ Mikrokosmos Schauspieler?
Auf jeden Fall! Es gibt genügend Parallelen zum Schauspiel. Nicht umsonst sehe ich in der bacteriographischen Bildentwicklung eine Allegorie auf ein Schauspiel. Manche Ensemblemitglieder können mehr als 10 Rollenspiele übernehmen.
Was verstehen sie unter „Rolle“?
Bacteriographische Rollen gibt es viele! Solche Rollen sind beispielsweise
die Farbausbildung,
die Effektausbildung,
diverse Strukturentwicklungen, wie z.B. Craquelé,
das Erzeugen einer oder mehrerer Zusatzfarben,
die Ausbildung von pointillistischen Effekten,
das Ausschwärmen in hauchartige Gebilde…
All das sind Rollen. Natürlich benötigen die Akteure des Mikrokosmos eine Bühne. Erst auf meinen bacteriographischen Bühnen können die Organismen zu Ensemblemitgliedern avancieren, auf ihr Können aufmerksam machen und ihre Fähigkeiten zeigen.
Das trifft besonders auf die Bacterioästhetik zu.
Der Maluntergrund ist also eine Bühne! Wie muss diese beschaffen sein?
Die Herausforderung bei der Bühnenentwicklung ist die richtige Zusammensetzung von Nährstoffen zu eruieren, damit sich die Kunstwerke des Mikrokosmos nach meinen Vorstellungen entwickeln können.
Als Trägerschicht dient unter anderem vorbehandeltes Aquarellpapier, das noch mit einer Gelschicht versehen wird. Darauf kann dann gemalt werden.
Ich kann es aber auch gerne mit den Worten von Matthias Kralj (Bühnen- und Kostümbildner, geb. 1933 in Ljubljana) sagen: „Ich habe begriffen, was am Theater erwartet und was gebraucht wird:
- Räume, die das rechte Maß haben,
- Spielräume,
- Räume des Erzählens,
- Ausdrucksräume,
- magische Räume…“
Ich habe begriffen, dass keines dieser Elemente bei der bacteriographischen Bühne fehlen darf!
Wie lange wird an einem bacteriographischen Gemälde gearbeitet?
Die Arbeit setzt sich folgendermaßen zusammen:
- Planung: die Auswahl von gewünschten Farben, Technik und Regie,
- Vorstudien zum Gemälde,
- Bühnenbildung,
- Malvorgang,
- Entwicklung des Bildes,
- Haltbarmachen des Gemäldes.
Einfache Bühnen sind in ca. 10 Minuten fertig, Multifunktionsbühnen dagegen können bis zu 10 Stunden in Anspruch nehmen.
Beim Malen ist es ebenso. Zehn bis fünfzehn Minuten bis zu einer maximalen Tagesleistung von 17 Stunden (Bildnis Louis Pasteur). Meist wird auf einfachen Bühnen ein aufwändiges Motiv und auf aufwändigen Bühnen ein einfaches Motiv gemalt, da im letzten Fall die Bühne gestalterisch mitwirkt.
Insgesamt dauert das Anfertigen eines bacteriographischen Gemäldes ca. 1 Woche.
Was ist an der Bacteriographie wirklich neu? Gibt es Querverbindungen zu anderen Kunstrichtungen?
Bei der Bacteriographie ist vieles neu! Das Eigentliche an der Bacteriographie ist die Sichtbarwerdung des Unsichtbaren.
Weiters definiere ich den Entstehungsprozess eines bacteriographischen Kunstwerks nach schauspielerischen Kriterien. Das unterscheidet die Bacteriographie von der Bildenden Kunst. Dadurch sehe ich diese Parallelen zum Schauspiel und daraus folgend ist für mich eine Querverbindung zur Darstellenden Kunst unübersehbar.
Noch ein paar Unterscheidungsmerkmale zur Bildenden Kunst sind:
- lebende Farben,
- der Maluntergrund hat die Funktion einer Bühne,
- unsichtbares Malen mit anschließender Bildentwicklung,
- Allegorie zum Schauspiel,
- Regieführung.
Gibt es zu den sicherlich teuren Originalen eine Alternative, z.B. Kunstdrucke?
Ja, es sind sog. Pigment-Kunstdrucke.
Für den Pigmentdruck werden spezielle Pigmenttinten und eigens dafür entwickelte Drucker verwendet. Diese Pigmenttinten sind laut Testergebnissen des unabhängigen Wilhelm Imaging Research Institutes weit länger als 100 Jahre haltbar. Dies entspricht ungefähr der zehnfachen
Haltbarkeit von Tinten, die bei einer Vielzahl an Farbfotodrucken verwendet werden. Pigmenttinten sind hoch licht-, alterungs- und somit archivbeständig.
Die Pigment-Kunstdrucke sind streng limitiert.
Wie sieht es mit der Haltbarkeit der Originale aus?
Die meisten bakteriellen Farbstoffe und Pigmente sind recht gut lichtbeständig. Dennoch sollten bacteriographische Originale nicht in hellen Bereichen auf Dauer verweilen. Diese Naturwunder sollten eher als Sammlung in einer Mappe aufbewahrt werden. Beim Erwerb eines Originales erhält der Käufer zusätzlich einen authentischen Pigmentkunstdruck, der wie ein konventionelles Gemälde gehandhabt werden kann. Das einzigartige und wertvolle Original kann ja jederzeit besichtigt und präsentiert werden…
Ist ein Ende der Forschungen und Neuentdeckungen abzusehen?
Nein, auf keinen Fall! Wahrscheinlich gibt es kein Ende!
Kann Ihr Ensemble nicht verloren gehen?
Nein, die Ensemblemitglieder werden in einem von mir entwickelten Medium bei minus 75°C aufbewahrt. Der Verlust eines nur einzigen Ensemblemitgliedes wäre für mich, gelinde gesagt, eine Katastrophe.
Welche Zeit wurde in die Ensemblesuche bisher investiert?
25 Jahre, daraus resultieren rund 40 Malorganismen und eben soviel Kandidaten für die Bacterioästhetik (Stand 2025).
Gibt es Geheimnisse in Ihrer Kunst?
Ja, ich will die Bacteriographie und auch die Bacterioästhetik nicht entmystifizieren. Das wäre schade. Die Papiertechnologie, die Bühnen und viele Handhabungen gehören also zum Betriebsgeheimnis.